Der Scrum Master als „true leader“

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Der Scrum Master als „true leader“

Im November 2020 erhielt der Scrum Guide ein neues Update. Dabei hielten einige interessante Neuerungen Einzug. Eine für mich sehr spannende Änderung ist die Bezeichnung des Scrum Masters als „true leader“. In der vorherigen Version des Scrum Guide wurde hier noch von „Servant Leader“ gesprochen. Während ich mich sehr über diese kleine aber – aus meiner Sicht – sehr bedeutsame Änderung gefreut habe, erlebte ich in einigen Diskussionen mit anderen Agilisten, Scrum Mastern und Coaches eine gewisse Ratlosigkeit, was es denn damit auf sich habe. Daher möchte ich hier einmal meine persönliche Sicht darstellen, warum ich diese Änderung für so wertvoll halte.

Die Angst des Scrum Masters vor Führung

Das mag jetzt vielleicht etwas provokant klingen, aber ein wichtiger Aspekt ist für mich der, dass einige (besonders unerfahrene) Scrum Master sehr viel Respekt, wenn nicht sogar Angst, vor Führung zu haben scheinen (dabei spielt sicher auch das Verständnis der Rolle in der Organisation eine Rolle, s.u.). Es ist so viel leichter, sich als „Feelgood Manager“ für ein Team zu sehen. Für das Team da sein, die Stimmung hochhalten, Impediments bearbeiten, Meetings moderieren. Ich bin mir bewusst, dass der Begriff des Servant Leaders etwas ganz anderes meinte, aber in der Praxis überwog da – zumindest in meiner Filterblase – häufig der dienende Teil. In einigen Fällen lehnten Scrum Master sogar explizit die „Führung“ als Teil ihrer Aufgabe ab. Die Gründe dafür sind sicherlich vielfältig. Ich denke, oftmals schwingt die Angst vor Ablehnung mit. Ablehnung, die man plötzlich erfahren würde, wenn man ein Team aus der Komfortzone führt und gewohnte Verhaltensmuster hinterfragt oder bricht.

Als Scrum Master muss man aber bereit sein, echte Führung zu übernehmen. Führung muss nicht autoritär sein, aber Führung sollte immer eine Richtung vorgeben. Häufig wird dazu heute auch das Bild der Führungskraft als Gastgeber – Host Leadership – angeführt. Dieses Bild passt als Metapher meiner Meinung nach sehr gut (auch wenn es dafür andere Schwachstellen mit sich bringt, aber keine Metapher ist vollkommen). Im Kern sieht das so aus, dass eine Gastgeberin Rahmen festlegt, wie ein Zusammenkommen aussehen kann. Bei einer Party bestimmt sie die Räume, die für die Gäste geöffnet sind, den Startzeitpunkt (und manchmal auch das Ende der Party), das Essen und vielleicht auch den Dresscode. Das wichtigste aber ist, dass die Gastgeberin auch Gäste auffordern kann, die Party zu verlassen, wenn sie sich danebenbenehmen. Sie übernimmt Verantwortung für das Gelingen ihrer Party.

Einigen Scrum Mastern scheint diese Haltung noch schwer zu fallen. Es bedeutet nämlich, dass man – für das Gelingen der Party – gewisse Rahmenbedingungen aufstellt und auch mal Hausverbot erteilt. Es wird Gäste geben, die sich dadurch eingeengt fühlen oder sich darüber hinwegsetzen, oder in der Folge der Gastgeberin die Freundschaft kündigen. Hier braucht es Bereitschaft zur Führung, um die Richtung vorzugeben und die Party – oder die Arbeit des Teams – zu einem Erfolg werden zu lassen, auch wenn das unangenehme Gespräche und Situationen nach sich zieht.

Organisationen und ihr Verständnis von Scrum Mastern

Ich kenne auch sehr viele wirklich gute Scrum Master, die bereit sind, diese geforderte Verantwortung zu übernehmen. Einige von ihnen befinden sich jedoch in einer Organisation, die nicht so recht verstanden zu haben scheint, dass diese Rolle ein „true leader“ sein muss. Dies ist der zweite Aspekt, weshalb ich die Umformulierung so gelungen finde.

Manche Organisationen sehen Scrum Master auch nur als Betreuer des Teams, als Teamassistenz oder als Interface zu anderen Teams. Dass ein echter Scrum Master auch die Organisationsstruktur, die Kultur und Hierarchien in Frage stellen wird, wenn er merkt, dass sie dem Wertstrom hinderlich sind, scheint sie nicht zu interessieren und ist sogar unerwünscht. Wenn dieses Mandat aber nicht vergeben wird, können Scrum Master nur auf Teamebene agieren und selbst da werden sie nicht als Führungskraft anerkannt.

Aus diesem Grund finde ich auch die deutsche Übersetzung des Scrum Guides sehr gelungen. Hier wird neuerdings von „echter Führungskraft“ gesprochen. Im Gegensatz zum „Servant Leader“ (Stand 2017) kann sich die Managementetage unter einer „Führungskraft“ etwas Konkretes vorstellen.

In einer Studie des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) werden Führungskräfte als „Personen mit Budget- und/oder Personalverantwortung“ bezeichnet. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) definierte für ihren Führunskräfte-Monitor 2010 als Führungskräfte „Personen ab 18 Jahre, die im SOEP angaben, als Angestellte in der Privatwirtschaft in Funktionen mit umfassenden Führungsaufgaben, sonstigen Leitungsfunktionen oder hochqualifizierten Tätigkeiten tätig zu sein.“

Führungskraft (Person) – Wikipedia

In einigen Unternehmen, die ich in den letzten Jahren kennenlernen durfte, wurden Scrum Master für diese Rolle ausgewählt, die für klassische Führungsrollen wohl eher nicht auf den Vorschlagslisten gelandet wären. Für die klassischen Führungspositionen suchte man starke Persönlichkeiten, denen man Führung zutraute und die Erfahrungen vorzuweisen hatten, während Scrum Master nach unklaren Kriterien besetzt wurden. Dies hat erst einmal nichts zu heißen, denn oft genug habe ich erlebt, wie diese Scrum Master aufblühten und hervorragende Führungspersönlichkeiten wurden – nur leider dann oft nicht mehr in diesem Unternehmen. Denn dort wollte man keine „rebellische“, „herausfordernde“ Führungskraft, sondern stromlinienförmige Scrum-Mamas und -Papas. Wenn dann die entsprechenden Ziele nicht erreicht wurden, schaute man sich fragend an.

Ich möchte hier nicht auf die Vielfältigkeit der Scrum Master Rolle eingehen. Eine Organisation, die diese Rolle nicht versteht, wird es schwer haben, ein Agiles Unternehmen zu werden. Denn neben der Unterstützung für Team und Product Owner sollten Scrum Master die ersten Ansprechpartner der Organisation sein, wenn es um Fragen der agilen Zusammenarbeit geht. Oft genug sind sie hier aber nur Befehlsempfänger statt Gestalter, eben keine Führungsrolle.

Fazit

Zumindest in meiner Filterblase habe ich in den vergangenen Jahren einige Organisationen und auch Scrum Master kennengelernt, die sich mit dem Scrum Master als „true leader“ aus unterschiedlichsten Gründen schwertaten. Die Überbetonung des „Servant“ in Servant Leader unterstützte dies.

Durch die Umformulierung verändert der Scrum Guide seine Botschaft nicht im Kern. Auch zuvor war der Scrum Master als starke Führungsrolle gedacht. Allerdings macht die neue Wortwahl es schwieriger, diese Tatsache zu ignorieren oder den Servant Leader misszuverstehen. Und gerade für die Managementebenen könnte diese neue Formulierung hilfreich sein, um zu verstehen, dass man mit der Installation von Scrum Mastern eine neue Art von Führungskräften in die Organisation bringt.

 

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