Raus aus der Opferhaltung – Mit Proaktivität gestalten

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Raus aus der Opferhaltung – Mit Proaktivität gestalten

Hätten wir doch nur ein vertrauensvolles Arbeitsumfeld, dann könnten wir auch viel mutiger sein. Und wenn ich erst meine neue Gehaltsstufe habe, dann werde ich durchstarten. Leider habe ich zu wenig Zeit dazu, sonst könnte ich schon drei Schritte weiter sein. Ich muss erst noch den Termin wahrnehmen. Wir müssen die Unternehmenskultur so nehmen, wie sie ist. Ich muss machen, was mein Chef sagt…“ Diese oder ähnliche Sätze sind uns wahrscheinlich allen nur zu gut bekannt. Und wahrscheinlich ertappen wir uns auch häufig genug dabei, selbst solche Einschätzungen auszusprechen. Was die Beispiele alle gemeinsam haben ist, dass sie von „haben“ und „müssen“ dominiert werden. „Ich habe einen schlechten Chef“ und „ich muss noch einkaufen gehen“. Der Handelnde ist Opfer seiner Umstände. Er oder sie würde ja gerne anders, aber er hat nun mal diese Randbedingung und muss daher so handeln. Zumindest drückt sich diese Haltung in der Sprache so aus. Eine Haltung, die voraussetzt, dass sich zuerst die äußeren Umstände und die anderen verändern müssen, so dass ich ein anderes Umfeld habe, in dem ich selbst mich anders verhalten oder glücklicher sein kann. Eine Veränderung von außen nach innen also.

Bereits in der heutigen Arbeitswelt, aber ganz besonders in der Arbeitswelt von morgen, wird diese Haltung nicht ausreichend sein. Die Arbeitswelt und auch die Gesellschaft verlangt nach Menschen, die proaktiv sind, die gemäß ihrer eigenen Werte und Ideen handeln möchten. Sie sind Gestalter und erkennen und nutzen die Chancen, die sich ihnen bieten. Ein „sein“ und „möchten“ tritt auch in der Sprache an die Stelle von „haben“ und „müssen„.

Eine proaktive Haltung ist nicht gleich Positives Denken

Eine proaktive Haltung geht davon aus, dass man aktiv seine Umwelt durch das eigene Verhalten beeinflussen und gestalten kann. Aber proaktive Menschen sind keine Träumer. Sie glauben nicht, dass sie wirklich alles verändern können. Zumindest nicht direkt oder sofort.

Leider wird proaktiven Menschen oftmals vorgeworfen, sich hinter positivem Denken zu verstecken und hoffnungslose Optimisten zu sein. Aber damit tut man ihnen Unrecht. Ein proaktiver Mensch ist sich durchaus bewusst, was in seinem Einflussbereich liegt und was außerhalb liegt. Er macht diese Bereiche für sich transparent und überlegt ständig, wie er seinen Einflussbereich vergrößern kann. Oder welche Möglichkeiten sich ihm bieten, Dinge, die ausserhalb seines Einflussbereichs aber innerhalb seines Interessensbereichs liegen, zu verändern. Natürlicherweise greift er dazu auf ein positives Denken zurück. Kritiker verweisen gerne darauf, dass die Wissenschaft herausgefunden hat, dass positives Denken schädlich sein kann. Allerdings ist dies nur dann zutreffend, wenn man einfach nur an eine Wendung zum Guten glaubt, ohne sich über Probleme und Lösungen dafür Gedanken zu machen. Denn gleichzeitig ist positives Denken enorm hilfreich, wenn man es als positive Grundhaltung ansieht, Möglichkeiten ausarbeitet und dann auf eine Veränderung hinarbeitet. Auch hier zeigt sich, dass ein proaktiver Part vorausgesetzt wird. 

Somit steht im Mittelpunkt von positivem Denken für proaktive Menschen nicht die Verdrängung von Problemen und ein unbestimmtes Hoffen auf eine bessere Zukunft, sondern die Transparenz über Probleme und Möglichkeiten und ein Glaube an Selbstwirksamkeit, einen Zielzustand beeinflussen und erreichen zu können. 

Own your job!

Schon heute heißt es für viele Mitarbeiter in Unternehmen: „Own your job“, was so viel bedeutet wie: „sei proaktiv und gestalte deinen Job und deine Karriere selbst“. Man spricht von Job-crafting, bei dem es eben keine festgezurrten Stellenbeschreibungen mit klaren Verantwortungen mehr gibt. In crossfunktionalen Teams, die selbstorganisiert arbeiten sollen, gibt es keinen Chef mehr, der ansagt, wer was wann und wie getan haben muss. Man erwartet, dass die Mitarbeiter so handeln, als sei es ihr eigenes Unternehmen. Sie werden aufgefordert, Verantwortung zu übernehmen und für ihre Entscheidungen einzustehen. Und auch die Karrierepfade sind nicht mehr so klar vorgezeichnet wie in der klassischen Personalentwicklung.

Was für den einen klingt wie ein Arbeitsparadies, erhöht für andere den Stresspegel bis zum Maximum. Ohne einen echten Kulturwandel und Unterstützung können solche neuen Erwartungshaltung für Job und Karriere schnell zu einer massiven Belastung für die Mitarbeiter werden. Denn wie an den Beispielen oben gesehen, gerade in großen Unternehmen dominieren immer noch „haben“ und „müssen„.

Der kleine Raum zwischen Reiz und Reaktion

In seinem Buch „Die sieben Wege zur Effektivität“ hat Stephen Covey eine sehr wichtige Erkenntnis geteilt, die mich nachhaltig beeinflusst hat: Es gibt einen kleinen Raum zwischen Reiz und Reaktion. Innerhalb dieses Raums haben wir die Möglichkeit, aktiv zu entscheiden, wie wir auf einen Reiz reagieren möchten. Dieser kleine Raum ist bei jedem Menschen vorhanden. Allerdings ist die Größe des Raums von Mensch zu Mensch verschieden. Auf gleiche Ereignisse reagieren Menschen höchst unterschiedlich. Der eine sehr cholerisch und augenblicklich, die andere sehr ruhig und überlegt, nach einer kurzen Pause der inneren Sammlung und des Nachdenkens.

Die gute Nachricht ist: man kann daran arbeiten, diesen Raum zwischen Reiz und Reaktion zu vergrößern und sich somit eine größere Flexibilität in seinen Reaktionen zu schaffen und dadurch selbstbestimmter zu werden. Selbstreflexion ist dabei ein ganz wichtiger Baustein. Wer in sich hineinhört und wahrnimmt, wie der Körper auf Reize reagiert und diese bewusst spürt, der ist auf dem besten Wege, seine Handlungsspielräume zu erweitern und den Raum zwischen Reiz und Reaktion zu vergrößern. Übungen zur Achtsamkeit, die genau dies unterstützen, haben schon Einzug gehalten in die Gesundheitsprogramme oder sogar Mittagspausen von vielen Unternehmen. Mit Methoden wie NLP oder Hypnose kann man ebenfalls sehr zielgerichtet daran arbeiten, den Raum und seine Möglichkeiten zu vergrößern.

Eine Frage des Mindset

Wie so oft spielt aber auch hier wieder das Mindset eine Rolle. Carol Dweck unterscheidet zwischen einem Fixed Mindset und einem Growth Mindset. Während Menschen mit einem Fixed Mindset davon ausgehen, dass die Welt ist, wie sie sie wahrnehmen, und dass ihre Identität auf festen Eigenschaften beruht, sehen Menschen mit einem Growth Mindset alles um sich herum als dynamisch an, mit der Chance, daran zu wachsen.

Schon diese grobe Charakterisierung der beiden grundlegenden Formen des Mindset macht deutlich, dass Menschen mit einem Fixed Mindset dazu tendieren, sich mit Sätzen wie „ich bin halt ungeduldig / aufbrausend / zickig“ zu rechtfertigen. Sie haben mehr Probleme, den Raum zwischen Reiz und Reaktion wahrzunehmen, als Menschen mit einem Growth Mindset.

Ein Growth Mindset verleitet dazu, eigene Verhaltensmuster auch wieder aus der reaktiven Perspektive zu erklären: es ist dann halt genetisch so  angelegt, durch das Verhalten der Eltern so entstanden oder in der Umwelt einfach nicht anders denkbar. Diese Form des Determinismus erschwert es, den Raum zwischen Reiz und Reaktion wahrzunehmen, zu vergrößern und proaktiv zu handeln.

Das Spiel mit der Verantwortung

Wenn wir vor dem Hintergrund noch einmal zurückkehren zu der Anforderung, selbst Verantwortung für seinen Job oder seine Karriere (oder auch für viele gesellschaftliche Themen) zu übernehmen, lohnt sich ein kleiner Exkurs. Christopher Avery hat ein sehr anschauliches Modell der Verantwortungsübernahme entworfen, das sehr schön aufzeigen kann, in welchen Stufen Menschen zu echter Verantwortung gelangen. Auch für das Verständnis für die Schwierigkeiten vieler Menschen, proaktiv zu werden, ist dieses Modell sehr hilfreich.

Die erste Stufe in diesem Prozess stellt die Verleugnung dar. Das Problem wird einfach ignoriert. Die zweite Stufe – Beschuldigung – erkennt das Problem zwar an, gibt aber anderen oder der Umwelt die Schuld daran. In der dritten Phase – Rechtfertigung – entschuldigt man das Verhalten dadurch, dass die Dinge halt so sind, wie sie sind. Man ist also Opfer der Umwelt und Veranlagung und kann eigentlich gar nichts dafür. Die vierte Stufe – Scham – führt dazu, dass man sich selbst die Schuld gibt und sich schlecht fühlt. In der fünften Stufe – Verpflichtung – tut man, was getan werden muss. Die Verantwortung wird also angenommen, weil man es muss und eben die Verpflichtung hat. Erst in der sechsten Stufe – Verantwortung – ist der Mensch soweit, dass er auch wirklich die volle Verantwortung für etwas übernimmt. Er hat Fähigkeiten zu wählen und zu gestalten. 

Das Modell spiegelt sehr schön auch die bisher beschriebenen Erscheinungsformen und Erklärungsansätze wider. Für Menschen auf der Reise zu mehr Proaktivität lohnt es sich vielleicht, sich mit diesem Ansatz eingehender zu beschäftigen, da Avery auch Übungen und Wege aufzeigt, wie man als Individuum zu der Stufe der echten Verantwortung gelangen kann. Übrigens zeigt sich darin auch das Growth Mindset von Dweck, da Avery explizit darauf hinweist, dass es sich nicht um eine Persönlichkeitseigenschaft handelt, sondern ein erlernbares und trainierbares Verhalten darstellt.

Von Naturgesetzen, Konsequenzen, Folgen und Fehlern

Selbst der proaktivste Mensch kann nicht alles ändern. Aber wie bereits erwähnt, unterscheidet er sich von den reaktiven Mitmenschen dadurch, dass er Wege und Möglichkeiten sucht, seinen Einflussbereich kontinuierlich auszuweiten und zu vergrößern.

Einen Apfel fällt immer nach unten. Das ist ein Naturgesetz und für den Menschen nicht zu ändern. Aber Umstände in der Gesellschaft oder in der Organisation sind von Menschen gemacht. Und alles, was von Menschen gemacht ist, ist prinzipiell auch veränderbar. Vielleicht noch nicht jetzt, vielleicht nicht von einem selbst, aber irgendwer wird irgendwann vielleicht in der Lage sein, etwas zu verändern. Und es gibt sicher kleine Schritte, die ich heute schon unternehmen kann, um diesen Ziel etwas näher zu kommen. Das ist die Grundlage dafür, warum Menschen von Visionen und Utopien angetrieben werden. Diese sind potenziell erreichbar und es wert, sich dafür einzusetzen. Auch, wenn man selbst die Erreichung vielleicht nicht mehr mitbekommen wird.

Und selbst heute muss niemand das Opfer seiner Umstände sein. Jeder hat immer die Möglichkeit, zu wählen. Allerdings ist es wahrscheinlich, dass Entscheidungen Konsequenzen nach sich ziehen, die man nicht in der Hand hat, weil der eigene Einflussbereich nicht groß genug ist. Dennoch liegt hier eine Freiheit. Ich kann mich bewusst und proaktiv dazu entscheiden, meinem Chef zu sagen, dass ich den Status nicht beschönigen werde. Das ist meine Entscheidung, ich muss es nicht tun. Ich kann meinen Prinzipien und Werten treu sein. Vielleicht verliere ich dafür den Job. Aber dann war es meine Entscheidung. Wenn ich den Status beschönige, dann sieht der proaktive Mensch auch darin eine bewusste Entscheidung, weil der Jobverlust für ihn ein zu hoher Preis wäre. Somit geht es für den proaktiven Menschen immer um das Abwägen von Werten und Prinzipien und nicht um Fremdbestimmung. Statt Opfer ist man bewusster Entscheider.

Ich-Entwicklung

Das Modell der Ich-Entwicklung von Jane Loevinger aus der Entwicklungspsychologie bietet eine weitere Perspektive an. Wenn Proaktivität Werte und Prinzipien voraussetzt, ein dynamisches Mindset (Growth Mindset), eine Selbstwirksamkeitserwartung, Reflexion und Selbstkritik, Lernen und Wachsen, dann wird auch schnell klar, dass die eher späteren Denkmodi ab Phase E6 (Selbstbestimmt) weniger Probleme mit Proaktivität haben werden, als frühere Denkmodi.

Somit können wir auch in Zukunft nicht einfach erwarten, dass man proaktivere Verhaltensweisen einfach dadurch fördert, dass man sie fordert. Stattdessen sollten Unternehmen, die Eigentümerkultur fordern oder die Verantwortung für die eigene Karriere verlangen, auch darüber nachdenken, ihre Kultur dahingehend anzupassen, dass die Menschen ganzheitlich wachsen können.

Theory X und Y, Motivation und psychologische Sicherheit

Proaktive Menschen verkörpern das Bild der Theory Y von McGregor. Sie sind intrinsisch motiviert und müssen nicht durch Kontrolle und Regeln dazu gezwungen werden, zu arbeiten. Sie übernehmen Verantwortung und suchen nach Möglichkeiten ihr Umfeld im positiven Sinne zu gestalten. Gibt man ihnen ausreichend Freiraum, ein Umfeld, das für sie sinnstiftend ist und den Raum, ihre Fähigkeiten gezielt einzusetzen und daran zu wachsen, dann werden sie das gerne annehmen.

Und die reaktiven Menschen um uns herum? Entsprechen diese nicht dann Theory X von McGregor? Leider wurde McGregor oftmals falsch verstanden, denn er hatte keinesfalls zwischen zwei Typen von Menschen unterscheiden wollen. Seine Kernaussage ist vielmehr, dass das Bild des Menschen nach Theory X (man muss kontrollieren, anweisen, mit Geld locken…) nur in den Köpfen existiert, Menschen aber immer Theory Y entsprechen, also motiviert sind, lernwillig sind.

Leadership besteht also darin, die geeigneten Rahmen und psychologischer Sicherheit zu schaffen, dass Menschen sich sicher fühlen und aus dieser Sicherheit beginnen, als Menschen zu wachsen und sich zu entwickeln.

Proaktiv beginnt bei mir

Abschließend möchte ich noch zu einer kleinen Challenge auffordern: Für vierzehn Tage einfach mal ganz bewusst auf die eigene Sprache zu achten und in aktiver Form zu sprechen. Aussagen wie „Man müsste mal“, sind nicht nur sehr unspezifisch, sondern drücken aus, dass wir Opfer unserer Umwelt sind. „Ich möchte und ich werde“ ist viel kraftvoller und nachhaltiger. Zudem auch mal ganz bewusst darüber nachdenken, dass wir uns immer auch anders entscheiden können, dann aber gewisse Konsequenzen auf uns nehmen müssten. So bleibt es aber unsere bewusste Entscheidung und wir dürfen niemand anderem die Schuld daran geben. Dies gelingt dann, wenn wir bewusst auf die Sprache achten und unsere Aufmerksamkeit nach innen richten und auf den kleinen Raum zwischen Reiz und Reaktion achten. Es ist auch nicht verboten, im Nachhinein noch Verantwortung zu übernehmen und sich auch für Schnellschussreaktionen zu entschuldigen und einer neuen, proaktiv getroffenen Entscheidung zu folgen. Also einfach mal auf „Ich muss“, „Ich habe (nicht)“ und vergleichbare Formulierungen verzichten und sehen, was das mit einem macht. Viel Erfolg dabei und teilt gerne eure Erfahrungen!




 

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