Am Scheitern scheitern – Gefahren der Fehlerkultur

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Am Scheitern scheitern – Gefahren der Fehlerkultur

Im Umfeld von New Work und agilen Arbeitswelten ist sie kaum wegzudenken, die Diskussion über eine positive Fehlerkultur. In immer mehr Städten finden die sogenannten FuckUp-Nights statt, in denen erfolgreiche Menschen die Zuhörerschaft in ihre größten Niederlagen blicken lassen. Diese Erfahrungen haben die Berichtenden nicht umgeworfen, im Gegenteil, sie gingen gestärkt und mit neuen Erfahrungen daraus hervor. Und auch in den Unternehmen stellen sich immer häufiger Vorstandschefs vor ihre Belegschaft und berichten von den größten Fehlentscheidungen der letzten Zeit und was sie daraus gelernt haben.

Was in den Stadthallen, Hörsälen und Vorstandsetagen funktioniert, soll natürlich auch von den Mitarbeitern gelebt werden. Eine Fehlerkultur für die Organisation ist schnell gefordert. Doch was in FuckUp-Nights und Co. funktioniert, kann auch zu erheblichen Problemen und Dysfunktionen in Organisationen führen.

Ein Blick auf Fehler und den Kontext

Unterscheiden sollte man generell zwischen verschiedenen Fehlerklassen. Die allgemeine Forderung, Fehler zu feiern und darin immer das Positive zu sehen, kann nämlich auch sehr problematisch sein. In einem komplexen Umfeld, wo viel Unsicherheit vorhanden ist und man schnell lernen muss um zur richtigen Lösung zu kommen, ist ein Fehler durchaus als Lernschritt anzusehen. Getreu dem Motto „Fail fast, learn fast“ hilft einem der Fehler, den richtigen Weg zu entdecken und erfolgreich zu sein. Und je früher dieser Fehler gemacht und entdeckt wird, desto geringer sind die Kosten, ihn zu beheben.

In einem komplizierten Umfeld hingegen, ist eine solche Fehlerkultur weniger angebracht. Hier entstehen Fehler durch Unwissenheit oder falscher Anwendung von Werkzeugen. Kürzlich habe ich als Automobillegastheniker versehentlich Motoröl in den Kühlwassertank gekippt. Auch, wenn ich es schnell gemerkt habe, war das ein Fehler, der so nicht hätte passieren dürfen. Mehr Konzentration, Routine oder das richtige Fachwissen hätte mir den Ausbau und die Reinigung des Kühlwassertanks erspart. Und von dem daraus gewonnenen Wissen profitiert auch niemand. Das einzig positive ist, dass ich diesen Fehler sicher kein zweites Mal begehen werde. Aber dafür hätte es den Fehler nicht gebraucht und die Kosten waren einfach viel zu hoch.

Ein Blick auf die Kultur

Auch, wenn wir uns jetzt nur noch auf den Komplexen Kontext konzentrieren, in dem heutzutage die meisten von uns unterwegs sind, dann kann eine verordnete Fehlerkultur immer noch sehr problematisch sein.

Deutschland ist ein Land, das sehr viel Wert auf Korrektheit und Disziplin legt. Dies ist schon lange Zeit so und hat sich über Erziehung, Schule und Ausbildung lange Jahre in den Köpfen festgesetzt. Jetzt eine ganz andere Haltung dazu einzunehmen, ist nicht von heute auf morgen zu erwarten. Und für viele Menschen ist daher ein Fehler immer noch ein Grund, sich zu schämen und schlecht zu fühlen. Das muss man akzeptieren und behuptsam die Weichen stellen, damit sich die Kultur ändern kann.

Ein Blick auf das Mindset

Fehlerkultur hat auch immer etwas mit Mindset zu tun. Und hier unterscheidet die Psychologin Carol Dweck grundsätzlich zwischen einem Fixed Mindset und einem Growth Mindset, welches auch den Umgang mit Fehlern beeinflusst.

Das Fixed Mindset zeichnet sich dadurch aus, dass man sich selbst vornehmlich über Eigenschaften definiert. „Ich bin schlau“, oder „ich bin gut in Mathe“ sind Glaubenssätze, die Identitätsstiftend sind. Wenn jemand mit diesem Mindset nun von sich glaubt, gut in Mathe zu sein, und dann mit kaum lösbaren Matheaufgaben konfrontiert ist, so ist das für ihn ein kleiner Zusammenbruch seiner Welt. Was das Scheitern für Fixed Mindset Menschen bedeutet, liegt auf der Hand. Unwohlsein und Überforderung sind die Folge.

Das Growth Mindset hingegen ist auf Wachstum ausgelegt. Die eigene Identität wird eher prozesshaft gesehen. Nicht das Ergebnis, sondern der Weg dorthin steht im Vordergrund. Ein Fehler wird wirklich zum Wachsen und Lernen genutzt. Die kaum lösbaren Matheaufgaben zeigen so auf, wo man sich verbessern kann und bieten eine Herausforderung zum wachsen, die gerne angenommen wird.

Ein Blick auf den Menschen

Wer sich ein wenig mit Jane Loevingers Modell der Ich-Enwicklung auseinandergesetzt hat, der wird auch schnell zu dem Schluss kommen, dass es einer gewissen Entwicklungsphase bedarf, um aus Fehlern wirklich lernen zu können. Bis einschließlich Phase E5 (Fachexperte nach Rooke und Torbert) wird die Fehlerkultur in ihrer Grundidee höchstwahrscheinlich zu Problemen führen. Erst ab der Phase E6, die eine ausgeprägte innere Stimme und Unabhängigkeit von der Meinung anderer auszeichnet, sind Menschen in der Lage, eine echte Fehlerkultur zu leben.

Ein kleiner Blick auf die Statistik zeigt, dass noch nicht einmal die Hälfte der Erwachsenen in westlichen Gesellschaften diese Phase E6 erreicht hat. Ohne entsprechende Studien und Auswertungen vorliegen zu haben, basierend auf Einzelbeobachtungen und meiner (vielleicht nicht allzu qualifizierten) Einschätzung, würde ich sehr stark davon ausgehen, dass die Redner auf FuckUp Nights und ähnlichen Events in der Regel einer Entwicklungsphase im postkonventionellen Bereich (ab E7) zuzurechnen sind.

Cargo Cult und Überhöhung

Für sehr viele Menschen ist es also aus verschiedensten oben genannten Gründen sehr schwierig, eine Fehlerkultur wirklich zu verstehen und die korrekte Haltung dazu einzunehmen. Durch die starke Betonung einer solchen Kultur in New Work und Agilität ist hier aber kaum ein Entkommen. Und das birgt auch einige Gefahren.

Wenn Menschen Fehler machen und scheitern, dann bedürfen sie psychologisch der Verarbeitung dieses Scheiterns. In entsprechenden Entwicklungsphasen und mit einem Growth Mindset versehen, besitzen die Menschen eine große Resilienz. Sie können solche Rückschläge psychologisch viel einfacher und schneller verarbeiten und sind dann auch schnell in der Lage, daraus positive Folgerungen zu ziehen.

In früheren Enwicklungsphasen und im Fixed Mindset verhaftete Menschen, könnten durch die allgegenwärtige Forderung nach einer Fehlerkultur dazu verleitet werden, Fehler generell umzudeuten als Erfolg. Dadurch entgehen sie dem Gefühl des Scheiterns. Da Scheitern für diese Menschen ein viel größerer, identitätsbedrohender Faktor sein kann, ist dies ein sehr leichter und schneller Weg aus der unangenehmen Situation. Ein Fehler ist dann etwas, worauf man stolz sein kann, das eigene Selbstwertgefühl wird nicht mehr angegriffen. Und man hat ja schließlich auch etwas daraus gelernt.

Was auf den ersten Blick sehr positiv klingt, wird dadurch getrübt, dass das Scheitern dadurch in ein falsches Licht gerückt wird. Es wird vermieden, sich mit dem Scheitern tiefgründiger zu beschäftigen, so das auch die psychologische Verarbeitung nicht stattfindet. Im Gegenteil, es könnte sogar die Gefahr bestehen, dass ein Selbstbild dadurch geformt wird, das leicht narzisstische Züge aufweisen kann. Es ist geprägt von einer Kontrollillusion („Ich habe alles im Griff und mache mir die Welt, wie sie mir gefällt“, „Ich kann selbst aus dem größten Mist noch Gold machen“). Dabei ist es im Grunde nur ein Selbstschutz, der, durch das aus der eigenen Perspektive nicht vollständig zu erfassende Konzept der Fehlerkultur, noch genährt und verstärkt wird.

Also Schluss mit Fehlerkultur?

Sollte man daraus also schlussfolgern, dass man die überall geforderte Fehlerkultur besser sein lassen sollte? Alle FuckUp Events absagen und weitermachen wie vorher? Nein, auf gar keinen Fall. Die positive Fehlerkultur ist ein zentraler Bestandteil und wichtiger Faktor in der Arbeitswelt von Morgen (und auch von heute!).

Allerdings sollten wir vorsichtig damit sein, Fehlerkultur pauschal von allen Mitarbeitern einzufordern und diese somit zu überfordern. Diejenigen, die selbst wirklich aus Fehlern gelernt haben und bereit sind, dies zu teilen, sollte man ermutigen und fördern, genau dies zu tun. Durch das Etablieren einer Fehlerkultur als evolutionären Schritt werden auch diejenigen mitgenommen, die heute von sich aus noch nicht bereit für diese kulturelle Veränderung sind.

FuckUp Nights und Co. sind eine wunderbare Möglichkeit, diese Denkweisen kennenzulernen und auch selbst daran zu wachsen. Vorstandschefs und Führungskräfte, die freiwillig auf die Bühne treten und von ihren Fehlern berichten, sind ein Glücksfall für ihre Organisation. Absehen sollte man nur davon, eine solche Fehlerkultur einzufordern oder zu deklarieren. Stattdessen sollte man es halten wie der Gärtner: Samen für Samen in die fruchtbare Erde geben, ein wenig Wasser darüber und dann mit viel Geduld beobachten, wie die schönsten Blüten durch das fruchtbare Umfeld zum Vorschein kommen können.

 

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